4. Fastensonntag - Das 4. Gebot: Ehre deinen Vater und deine Mutter!
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

Als wir im Pfarrteam über die Verteilung der Fastenpredigten zu den 10 Geboten gesprochen haben, da habe ich spontan das vierte Gebot gewählt: Du sollst Vater und Mutter ehren! Zum einen, weil ich dachte: Du bist ja nun schon seit einigen Jahren Sohn und Vater zugleich, sozusagen in Personalunion, und kennst also beide Seiten. Da fällt dir gewiss was dazu ein. Und zum anderen, weil dieses vierte Gebot einen ganz erstaunlichen Zusatz hat, der in der Reihe der Gebote einmalig ist. Es heißt nämlich in voller Länge: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst – und es dir gut geht – in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt“ (Ex 20,12 / Dtn 5,16).

 

Das hat mich interessiert, denn das macht doch deutlich, dass dahinter mehr stecken muss als nur der Ausdruck einer unhinterfragten Autorität der Altvorderen, wie es in traditionalen Gesellschaften eben so üblich war. Die zehn Gebote sind ja insgesamt so etwas wie die Magna Charta des Bundes, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Sie wollen nicht gängeln und reglementieren, sondern einen Lebensraum eröffnen, in dem menschliches Miteinander gelingen kann, weil es von Gottes gutem Geist getragen ist. Die zehn Gebote leben allesamt von Gottes ungeschuldeter, zuvorkommender Initiative her: Weil ich Gott bin, weil ich dein Gott bin und dich aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt habe, weil ich dich befreit habe, dich lieb habe und dich ins Land der Weite führen werde, – deshalb wirst du doch gar nicht erst auf die Idee kommen, anderen Göttern zu huldigen und Götzen anzubeten, deshalb wirst du doch gar nicht erst auf die Idee kommen zu morden, die Ehe zu brechen, zu stehlen, zu lügen und fremdes Gut zu begehren.

Die zehn Gebote machen deutlich: Gott ist nicht unentschieden. Gott hat eine Option. Seine Option sind die Armen, die Zukurzgekommenen und um ihr Recht Betrogenen. Unser Gott ist ein parteiischer Gott, er steht auf der Seite der Schwachen. Deshalb hat das vierte Gebot auch nicht die unmündigen Kinder als Adressaten im Blick, die gegenüber der elterlichen oder gesellschaftlichen Obrigkeit zu kuschen hätten. Angesprochen sind vielmehr die längst erwachsenen Kinder, die nun ihrerseits Entscheidungsgewalt haben. Sie werden ermahnt, die Alten nicht unversorgt zu lassen, sie nicht auszusetzen und abzuschieben.

Das war in der Zeit etwa des 7. Jahrhunderts vor Christus, als der Dekalog wohl entstanden ist, eine durchaus reale Gefahr für jene Altgewordenen, die nicht mehr selbst für ihren Unterhalt sorgen konnten und auf Unterstützung durch die Kinder- und Enkelgeneration angewiesen waren. Deshalb steht dieses vierte Gebot so prominent am Anfang der sogenannten zweiten Gesetzestafel, die die sozialen, auf das Miteinander ausgerichteten Gebote enthält, noch vor dem Tötungs- und Diebstahlverbot. Deshalb ist ihm auch die eingangs genannte Verheißung auf ein langes Leben und Wohlergehen in dem Land, das Gott geben wird, beigefügt: Das Elterngebot regelt im alten Israel ganz umfassend den gerechten Umgang der Generationen miteinander und sichert so in einem grundsätzlichen Sinn das Funktionieren der damals in Familienclans organisierten Gesellschaft.

Und heute? Wir leben zumeist nicht mehr in großen Sippen, sondern in aller Regel in Kleinfamilien, bestehend aus Eltern und Kindern. Aber gerade deshalb müssen wir umso mehr auf jene Gerechtigkeit zwischen den Generationen achten, die das Schlagwort vom Generationenvertrag auf den Begriff bringt. Das gilt natürlich mit Blick auf die Zukunft als Schutz für die kommenden Generationen, denen wir nicht heute die Ressourcen von morgen verbrauchen dürfen. Aber es gilt eben auch sozusagen mit Blick nach hinten, mit Blick auf die Alten, Schwachen und Kranken in unserer Gesellschaft, die nicht einfach weggedrückt werden dürfen.

Ich denke an die Altersheime, die vielfach eher Verwahranstalten sind denn wirklich eine Heimat. Ich denke an jene „Seniorenresidenzen“ für Kassenpatienten an den Hauptverkehrsstraßen Berlins, bei denen eine solche Selbstbezeichnung auf dem Briefkopf oder dem Türschild zum blanken Zynismus wird. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts muss man Geld haben, um sich Würde und angemessene Pflege im Alter privat erkaufen zu können. Das ist ein Skandal. Dabei verletzen nicht so sehr die wenigen und überforderten Altenpflegekräfte das vierte Gebot. Sondern jene verletzen es, die Verantwortung tragen für deren katastrophale Bezahlung und die dadurch den Pflegenotstand mit verursachen, unter dem so viele Alte und Kranke leiden.

Ich denke aber auch an jene erwachsenen Kinder, zumeist sind es Frauen und selber oft genug ihrerseits Mütter, die zuhause bleiben, um die alten Eltern oder Schwiegereltern zu pflegen. Durch den damit verbundenen Verdienstausfall riskieren sie selbst spätere Altersarmut. Ich denke an die Überforderungen, die dabei auftreten, wenn die eigene Energie, die Zeit und die nötige innere Distanzierungskraft nicht mehr ausreichen, wenn alte Familienkonflikte aufbrechen und die Entscheidung dann doch fürs Altersheim wiederum mit Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen bezahlt werden muss.

Mir kommen jene Kinder von sterbenskranken Eltern in den Sinn, die im Krankenhaus am Bett des Vaters, der Mutter stehen und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Darf man die Schläuche ziehen? Soll man die Magensonde noch legen? Was heißt es unter den Bedingungen der modernen Gerätemedizin, Vater und Mutter zu ehren, wenn es ans Sterben geht? Mir kommen aber auch jene alten Menschen in den Sinn, die angesichts unserer Debatten um aktive Sterbehilfe zunehmend unter Rechtfertigungsdruck geraten. Es darf nicht sein, dass der Wunsch, trotz Alter, Krankheit und Gebrechen am Leben zu bleiben, angesichts klammer Kassen klammheimlich begründungspflichtig wird. Das nämlich ist die bittere Schattenseite der so hochgepriesenen freien Selbstbestimmung angesichts des Todes, über die sich die Verfechter von Sterbehilfeorganisationen wie Dignitas und Exit zumeist ausschweigen.

Ich denke an jene, die in ihrer Kindheit unter den Eltern gelitten haben, die nie wirklich selbstständig und frei werden durften, die Gewalt oder Vernachlässigung ausgesetzt waren. Was bedeutet es für sie, das vierte Gebot zu halten? Ich denke an jene, die vom eigenen Vater sexuell missbraucht wurden. Wie sollen sie mit diesem Satz umgehen: Ehre deinen Vater und deine Mutter? Schon für das ganz normale Eltern-Kind-Verhältnis ist ja bedeutsam, dass hier nicht einfach steht: „Du sollst deinen Eltern gehorchen“, sondern: „Du sollst sie ehren“. Jemanden ehren aber bedeutet nicht, sich ihm blind zu unterwerfen. Einen Menschen ehren bedeutet nicht, alles ungefragt hinzunehmen, was der Betreffende tut oder unterlässt. Das hebräische Wort für „ehren“ bedeutet übersetzt, einen Sachverhalt oder einen Menschen wichtig nehmen, ihm das zustehende Gewicht geben. Es gibt elterliches Fehlverhalten, das wiegt so ungeheuer schwer, dass nur der Beziehungsabbruch ihm gerecht wird. Es gibt Formen des elterlichen Missbrauchs, bei denen die einzige Möglichkeit, den Eltern die Ehre zu erweisen, für das missbrauchte Kind darin besteht, trotzdem am Leben zu bleiben, so frei und gesund wie nur irgend möglich zu leben. Trotz allem.

Nun bin ich selber Vater zweier wunderbarer Töchter, und fürchte mich davor, in ihrer Erziehung bei bestem Wollen doch so unendlich viel falsch zu machen. Und ich frage mich, wie werden die beiden wohl mit dem Elterngebot umgehen, wenn sie einmal groß sind und ich alt geworden sein werde? Ich hoffe natürlich, sie werden gnädig mit ihrem alten Vater sein und ihm seine Verfehlungen nicht anrechnen. Ich hoffe, sie werden frei und stark und glücklich werden. Ich hoffe, unsere Beziehung wird durch die Zeit hindurch tragen. Was ich heute tun kann, will ich tun, damit ihnen die Erfüllung des vierten Gebotes einmal nicht allzu schwer fällt.
 
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