Angstwandel statt Seewandel - Predigt zum 19. Sonntag im Jahreskreis
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Es gibt Erzählungen, da hat man sofort ein Bild vor Augen. Mit der Geschichte des heutigen Sonntagsevangeliums verhält es sich genauso: Ich vermute, dass jede und jeder von Ihnen eine unmittelbare Vorstellung davon hat, wie dieser Jesus – auf dem Wasser gehend – auf das sturmgepeitschte Boot mit den völlig verängstigten Jüngern darin zukommt. Das ist kein Zufall: Abgesehen von den Passionserzählungen gibt es wohl wenige Jesusgeschichten, die bekannter und eingängiger sind als die des heutigen Sonntags, die vom Gang Jesu auf dem Wasser berichtet. Heerscharen an Theologen und Predigern, aber auch an Malern, Kabarettisten, Literaten und Liedermachern haben sich im Lauf der Geschichte an diesem sogenannten Seewandel Jesu abgearbeitet.

Vor allem aber aus dem Religionsunterricht und der Katechese ist diese Wundererzählung nicht wegzudenken, geht es doch um Grundfragen unseres Menschseins: um Glauben und Zweifel, um Angst und Vertrauen, um die Angst vor dem Untergang und dem Aufbruch ins Neue. Theologisch hat man an dieser kurzen Erzählung außerdem die ganze Frage nach Jesu Wunderkraft, nach seiner Fähigkeit zur Überwindung der Naturgesetze festgemacht. Und natürlich hängt daran dann auch die Frage nach der Wahrheit und nach dem rechten Aussagesinn der Heiligen Schrift überhaupt.

Mindestens zwei Positionen stehen sich dabei gegenüber: Für die einen entscheidet sich gerade daran die Echtheit des Glaubens, dass er für wahr hält, was er rational nicht einholen kann. Warum sollten wir daran zweifeln, dass Jesus übers Wasser gehen konnte, wenn er es denn nur gewollt hätte? Warum sollte Petrus denn nicht in der Lage gewesen sein, auf dem Wasser hin zu Jesus zu gehen, wenn der Herr selbst ihn denn gerufen hat? So die Meinung der einen. Für die anderen ist die Seewandel-Geschichte gerade umgekehrt ein Paradebeispiel notwendiger Bibelkritik, um Glauben von Aberglauben unterscheiden zu können. Das gilt nicht erst für die sogenannte historisch-kritische Bibelauslegung des 20. Jahrhunderts. Schon die Aufklärungstheologie spekulierte im 18. Jhdt. über knapp unterhalb der Wasseroberfläche versteckt liegende Balken, um so das eigentlich Unerklärliche irgendwie verstehbar machen zu können. Was man bei solchen kruden Spekulationen gar nicht merkte: Man saß genau dem fundamentalen Missverständnis auf, das man eigentlich überwinden wollte, nämlich die Wahrheit der Heiligen Schrift als einen simplen Tatsachenrealismus (miss-) zu verstehen.

Sieht man sich allerdings die Komposition dieser Geschichte genauer an, so zeigt sich, dass es Matthäus in erster Linie gar nicht um ein spektakuläres Naturwunder geht. Im Zentrum der von ihm gestalteten Geschichte steht vielmehr eine Begegnung der Jünger mit Jesus Christus in seiner Göttlichkeit. Mit anderen Worten: Matthäus beschreibt hier eine Christophanie, eine Christuserscheinung der Jünger, vergleichbar mit Gotteserscheinungen vor Mose oder Elija im Alten Testament. Diese Christusbegegnung der Jünger gestaltet er dann mit den literarischen Mitteln seiner Zeit – eben dem Motiv des Seewandels – aus.

Die Beziehung zu Jesus Christus, der Gottes Liebe in Person ist, trägt: das ist der Kern, um den es Matthäus geht. Versuchen wir einmal, die Seewandel-Geschichte aus dieser Warte heraus zu verstehen: Liegt nicht gerade darin Sinn und Gehalt der Wunder Jesu überhaupt, dass sie Gott als den Grund allen Seins und als die Liebe, die alles trägt, offenbaren?

Das wäre das eigentliche Wunder hinter allen Wundern: Nicht, dass Gott auf mirakulöse Weise die Naturgesetze zu brechen vermag, sondern dass er auf wunderbare Weise das, was er einst geschaffen hat, bleibend in seinen guten Händen hält, und dass er uns in Jesus von Nazareth bleibend nahe ist, was immer uns auch widerfahren mag.

Die Beziehung zu Jesus Christus, der Gottes Liebe in Person ist, trägt. Das öffnet den Blick auf die eigentliche Dimension dieser im wahrsten Sinn des Wortes wunderhaften Erzählung. Vielleicht ist ja unser Blickwinkel, mit dem wir sie für gewöhnlich betrachten, einseitig und verkürzt. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass Matthäus bei der Niederschrift dieser Geschichte gar kein Naturphänomen, sondern ein Beziehungsphänomen im Sinn hatte. Und vielleicht bezeichnet gerade das das eigentliche Wunder, auf das die erzählerisch beigefügten Naturzeichen nur einen blassen Hinweis geben können.

Trotz aller Ängste, in denen wir zu versinken drohen, immer wieder neu das Neue wagen; trotz aller Stürme, die um uns und in uns toben, der Beziehung, die uns trägt, vertrauen; trotz aller Zweifel, die an uns und in uns nagen, um den Glauben ringen; uns nicht beherrschen lassen von den Gespenstern und Schattenbildern unserer Alpträume, sondern immer wieder neu auf das gute Leben setzen, das Gott allen Menschen verheißen hat…

Sieht man die Sache so, dann wird klar: Es geht nicht um ein spektakuläres Durchbrechen der Schwerkraftgesetze, sondern um ein Durchbrechen der Schwerkraft unserer Ängstlichkeit und Herzensträgheit. Nicht Seewandel, sondern Angstwandel also ist angesagt; eine unvermutete und wunderbare Herzensverwandlung nämlich, die uns ermutigen will, uns trotz der Stürme unserer Glaubens- und Lebensnot aus uns selbst herauszuwagen und uns auf den Weg zu machen – trotz aller Ungesichertheiten; und zwar gerade nicht ins bleibend Ungewisse hinein, sondern immer auf Jesus zu.

„Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Kommt!“ – diese Ermutigung Jesu rettet nicht vor weiteren Stürmen, Abstürzen und Untergängen. Das zeigt das von Matthäus eigens eingefügte Beispiel des Petrus. Selbst der Fels der Kirche droht kläglich einzusinken. Selbst der Anführer der Jesusleute ist nicht vor Zweifeln und Ängsten gefeit, weil diese nun einmal zum Leben und zum Glauben dazugehören!

„Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Kommt!“ Diese Ermutigung Jesu hilft uns bei der Arbeit an der Angst, weil sie Furcht in Vertrauen wandelt. Gerade so rettet sie zwar nicht vor den Stürmen, Abstürzen und Untergängen des Lebens, aber sie rettet uns durch sie hindurch. Sie rettet hindurch, weil sie von dem ausgesprochen wird, der in seinem Sterben selbst den Tod in das Leben gewandelt hat.


 

 
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