Identität ohne Abgrenzung - Predigt zum 20. Sonntag im Jahreskreis am 17.8.2014
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Schon kleine Kinder lernen: Ich bin ich, weil ich nicht du bin. Das Kind lernt, dass es Kind ist, indem es lernt, dass es nicht eins mit der Mutter ist. Es ist ein Grundgesetz der Psychologie: Ichfindung funktioniert bei uns Menschen durch Abgrenzung und Ausgrenzung. Identitätsbildung geschieht durch das Setzen von Differenzen. Ich bin nicht du. Dasselbe Spiel gilt nach den Gesetzen der Gruppendynamik für alle Formen der Gruppenbildung. Eine Gruppe findet sich dann am Leichtesten, wenn klare Grenzen der Zugehörigkeit gezogen werden können, wenn es ein Außen gibt, über das man sich abgrenzend selber definieren kann. Ein Blick auf jeden x-beliebigen Pausenhof kann das bestätigen. Und schon hier kann das im Extremfall Menschenleben kosten (Stichwort: Mobbing). Wie viel mehr erst, wenn es sich auf der Ebene ganzer Bevölkerungsgruppen oder zwischen Staaten wiederholt!

Nun scheint es, als griffe diese Grundregel – Identität durch Abgrenzung – auch auf dem Feld des Religiösen. Nicht nur, dass das Heilige vom Säkularen, das Kirchliche vom Weltlichen abgegrenzt wird. Sondern auch zwischen den einzelnen Religionen ist dieses Phänomen zu beobachten, am Schärfsten vielleicht sogar, wenn sich benachbarte Gruppen innerhalb ein und derselben Religion gegenüberstehen: Katholiken und Protestanten, Schiiten und Sunniten usw. In abgründiger Barbarei treiben derzeit die radikalsunnitischen Terroristen des sog. Islamischen Staats dieses Denken auf die Spitze, wenn sie all die, die nicht ihrer Vorstellung vom Islam anhängen, seien es Christen, Yesiden, Schiiten oder auch nur gemäßigte Sunniten, vor die Wahl stellen: Flucht, Konversion oder sofortiger Tod. Hier erfolgt die Bildung eigener Identität im Sinne eines radikalsunnitischen Kalifats nicht nur durch Abgrenzung vom Anderen, sondern durch dessen Eliminierung.

Das Evangelium vom heutigen Sonntag verstört, weil es dieses Grundmuster – Stabilisierung des eigenen Selbst durch Abgrenzung von Anderem, Fremden – auf den ersten, oberflächlichen Blick genau zu bedienen scheint. In der kurzen Erzählung, die der Evangelist Matthäus uns heute vorlegt, scheint Jesus nicht besonders gut wegzukommen, sein Verhalten stößt vielmehr ab. Denn sein Benehmen der fremden heidnischen Frau gegenüber ist nicht nur reichlich ungehobelt, es kann mit Fug und Recht als beleidigend interpretiert werden. Sie kommt nicht nur in einer großen Not zu ihm, sondern bekennt ihn überdies als Messias – Sohn Davids – und Herrn. Sie weiß also um seine besondere Sendung und setzt ihre ganze Hoffnung auf ihn. Und Jesu Reaktion? Er würdigt sie noch nicht einmal einer Antwort! Jedes Wort ihr gegenüber ist ihm zu viel. Eine glatte Kommunikationsverweigerung.

Die Jünger kommen keinen Deut besser weg: Ihnen geht es nicht um die Frau und deren Sorge um die Tochter, sondern sie wollen schlicht ihre Ruhe haben. Die Heidin nervt. Sie schreit hinter ihnen her. Jesus soll sie gefälligst abwimmeln. Der aber kommt seinerseits nicht etwa auf die Idee einzugreifen. Sondern er bekräftigt die Ablehnung der Frau durch seine Jünger noch einmal mit dem Hinweis auf die Exklusivität seiner Sendung: Nur zu Israel, nicht aber zu den Heidenvölkern sei er gesandt. Für die Heilung von Heidenkindern wie der kranken Tochter der Kanaaniterin fühlt er sich nicht zuständig.

Und die Frau? Sie fällt vor ihm nieder, bittet noch flehentlicher. Diesmal garniert Jesus seine Ablehnung mit einer glatten Beleidigung. Es hilft ja nichts, dass gelehrte Forschung herausgefunden hat, dass mit den Hunden, mit denen die heidnische Frau von Jesus verglichen wird, nicht räudige Straßenköter, sondern durchaus geschätzte Haus- und Hofhunde gemeint sind. Nein, dieser Vergleich Jesu ist nicht nur unverschämt, er ist auch unlogisch: Weshalb sollte seine Zuwendung zu Israel geringer werden, nur weil er darüber hinaus noch andere im Blick behält? Erst nachdem die fremde Frau auch diese Attacke souverän unterläuft und weiterhin hartnäckig ihr Anliegen vertritt, knickt Jesus ein, erfüllt mit Verweis auf ihren Glauben die vorgetragene Bitte und heilt die Tochter.

Wir sollten die Sperrigkeit dieser Geschichte nicht vorschnell weginterpretieren, ihre Anstößigkeit nicht in vorauseilendem Gehorsam glätten. Manchmal ist das Evangelium gerade deshalb ein Evangelium, weil es uns vor den Kopf stößt und dadurch zum Perspektivenwechsel zwingt. Aber es hilft auch nicht weiter, bei wohlfeiler Empörung stehen zu bleiben. Deshalb ist es gut, etwas in die Tiefe zu gehen und die Komposition der ganzen Erzählung in den Blick zu nehmen, wie sie Matthäus für seine Zuhörer und Leser gestaltet hat.

Dann aber wird – mindestens – zweierlei deutlich: Zum einen ist es natürlich eine Geschichte, die von der Notwendigkeit des Gebets und der Stärke des Glaubens erzählt. Gebet und Glaube behalten ihren Wert, auch wenn der erste Augenschein dem Hohn zu sprechen scheint. Das tröstet bei innerer Anfechtung genauso wie in Zeiten äußerer Bedrängnis. Das lehrt das Beispiel der heidnischen Frau.

Zum anderen aber wird hier von Matthäus die Frage verhandelt, wem Jesu Sendung gilt: nur Israel oder auch den Heidenvölkern, also schlechthin allen Menschen? Exklusivismus oder Universalismus der Botschaft, das ist für den Evangelisten Matthäus die Frage. Seine Antwort ist klar. Jesus wird als ein Lernender gezeichnet, der in der Begegnung mit der heidnischen Frau eine neue Erfahrung macht und am Ende entgegen seiner ersten Ankündigung dann doch deren Bitte entspricht. So wird auf Ebene der Gesamtkomposition dieser Erzählung deutlich: Spätestens seit Ostern ist die Sendung Jesu universal, kann es keine Begrenzung der Verkündigung geben. Die Heilsbotschaft duldet keine Limitierung. Gottes Zuwendung gilt allen Menschen und allen Völkern, sein Heilswille umgreift die ganze Schöpfung. Gleichzeitig macht Matthäus deutlich: Universaler Heilswille Gottes und Heidenmission bedeuten noch lange keine Absage an die heilsgeschichtliche Sonderrolle und die besondere Erwählung des Volkes Israel. Beides gehört vielmehr zusammen und bedingt sich wechselseitig.

Der alle und alles umfassende Universalismus des Heilswillens Gottes, der hier deutlich wird, berührt mich sehr. Denn er tröstet mich mit Blick auf meine Unzulänglichkeiten und auf jene Dunkelheiten in mir, in denen ich mir selbst zum Fremden werde. Er lässt mich hoffen, trotz aller Schuld, trotz allen Versagens. Zugleich ist er aber auch eine große existentielle Herausforderung. Denn er fordert mich dazu auf, ihm in meinem Denken und Tun zu entsprechen.

Sich Christus anhangen, sein Leben in Christus festmachen, das bedeutet dann, die eigene – nun christliche – Identität gerade nicht über Abgrenzung und Ausgrenzung zu definieren, sondern im Mitgehen mit seinem Weg, im Mitvollziehen dieser Bewegung des Sich-Verschenkens und Sich-Weggebens Jesu. Das ist schwer. Es stellt Gewohnheiten und Sicherheiten in Frage. Es verbietet ein Denken in Dualen – wir hier und ihr dort. Vor allem aber unterläuft es völlig unsere gängigen Muster der Gruppenbildung und Selbstdefinition.

Das ist im Übrigen auch kirchlich die wohl momentan stärkste Herausforderung, vor der wir stehen. Denn die zahlenmäßige und weltanschauliche Minderheitensituation, in die wir Christinnen und Christen in Nordeuropa zusehends geraten, verleitet dazu, die eigene – brüchig gewordene, weil nicht mehr selbstverständliche – Identität durch Kontrastierung und Abgrenzung zu stabilisieren: Wir sind anders als ihr. Das führt fast zwangsläufig zu Separierung und Selbstghettoisierung: Ihr gehört nicht zu uns. Wagenburgmentalitäten wiederum provozieren Angst: Ihr steht uns feindlich gegenüber. Wenn dann noch moralische Selbstüberhöhung dazukommt – wir sind besser als ihr – führt das nicht nur zu Realitätsverlust. Es führt angesichts gewachsener Fallhöhe bei Erweis des Gegenteils überdies zu Glaubwürdigkeitsverlust. Ich bin überzeugt davon, dass es eine Überlebensfrage der Kirche sein wird, den heilsgeschichtlichen Universalismus, der in den Texten des heutigen Sonntags zum Tragen kommt, auch mit Blick auf kirchliche Identitätsbildung intensiv zu meditieren.

 

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