Siehe ich bin die Magd des Herrn – Predigt zum 4. Advent 2014
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Vor Jahren habe ich einmal Besinnungstage in einem Exerzitienhaus in Siegburg bei Bonn verbracht. Es war angegliedert an das dortige Benediktinerkloster auf dem Michaelsberg. Die Mönche sind inzwischen weggezogen, aber das Exerzitienhaus gibt es immer noch. In der dortigen Hauskapelle befindet sich in einer kleinen Seitennische ein Marienbild, das mich damals sehr berührt hat. Es ist – wie fast alle Marienbilder – ganz in blau, der Farbe der Himmelskönigin, gehalten. Sonst aber hat es nichts gemeinsam mit den Bildern von Maria, die wir so kennen.

Maria ist als eine junge, moderne Frau von heute gezeichnet. Lässig sitzt sie auf einem Stuhl, der rechte Fuß auf einer Sprosse aufgestützt, der linke Arm oben auf der Lehne aufruhend angewinkelt. Ihren Kopf hat sie nachdenklich in die Hand gestützt. Sie trägt eine enge graue Jeans, blaue Sneakers und ein schlichtes blaues T-Shirt. Auf dem linken Bein liegt aufgeschlagen ein Buch, der Blick ist nachdenklich ins Weite gerichtet.

 

Dieses Bild hat mich, als ich davorstand, sehr bewegt, weil es durch seine Komposition mit einem Schlag die 2000jährige Distanz zwischen mir und dieser jungen Frau aus Nazaret überbrücken konnte. Ich hatte mit Maria nie viel am Hut, denn ich gehöre einer Generation an, die nicht mehr wie selbstverständlich mit Rosenkranz und Maiandachten aufgewachsen ist. Und später, im Studium dann, war mir Maria immer irgendwie suspekt, weil sie jahrhundertelang als das Markenzeichen des Katholischen schlechthin auch als Bollwerk gegen die Protestanten herhalten musste. Dann, in Siegburg in dieser Kapelle, mit dem Bild dieser jungen Frau konfrontiert, brach unmittelbar die Frage auf: Wer ist Maria für mich? Welche Rolle spielt sie in meinem Glauben?

Ich möchte heute mit Ihnen über diese Frage nachdenken: Wer ist Maria für uns heute? Was hat sie uns zu sagen? Das Evangelium vom heutigen Tag kann uns dabei eine Hilfe sein, denn es führt mitten in diese Frage hinein. Die Szene der Verkündigung des Engels an Maria mit der Botschaft, dass sie ein Kind von Gott her bekommen wird; sodann die Beziehungsdynamik zwischen Maria und dem Gottesboten, die sich da abspielt; und dann vor allem die letzte Antwort Marias – das sind die Grundpfeiler des Nachdenkens über Maria schlechthin. Sie geben Aufschluss über die Person Marias und über die Bedeutung, die sie auch heute für uns haben kann.

Es geht dabei nicht so sehr um die Frage der Jungfräulichkeit, an der man sich so gerne aufhält – ob dieses Wort biologisch oder in einem übertragenen Sinn, theologisch zu verstehen ist. Das ist nicht der Punkt. Entscheidend ist vielmehr, wie Maria mit dieser durch den Engel vermittelten Gottesbegegnung umgeht. Die erste Initiative kommt von der Seite Gottes: Du bist begnadet, bist von Gott gesegnet, Gott ist mit dir. So redet der Engel Gottes, so redet Gott selbst Maria an. Aber Maria erschrickt. Wieder folgt eine göttliche Ermutigung: Hab keine Angst, fürchte dich nicht. Es ist schon erstaunlich: Wo immer in der Bibel es wirklich ernst wird, an den Nahtstellen der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk, da steht diese tröstende Zusage Gottes: Hab keine Angst, fürchte dich nicht. Ich, dein Gott, bin auf deiner Seite, ich begleite dich auch auf Wegstrecken deines Lebens, deren Sinn sich dir nicht erschließt. Denn ich bin dein Gott, und für Gott ist nichts unmöglich. Schließlich, am Ende des Gesprächs, folgt der alles entscheidende Satz Marias: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“

„Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast“: Das ist der eigentliche Kern, das Destillat des Marienglaubens der Kirche. Alle Sätze über Maria, die die Kirche im Laufe ihrer Geschichte gelehrt hat, haben letztlich in dieser einen Antwort Marias an den Engel ihren Ursprung und ihren bleibenden Haftpunkt.

„Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort.“ Was kann das für uns heute, hier in St. Ludwig, bedeuten, jenseits all der Dogmen und jenseits des theologiegeschichtlichen Ballasts? Drei Dinge scheinen mir da wichtig zu sein. Der erste Punkt: Man hat Generationen insbesondere von Frauen eingeredet, sie müssten sein wie Maria: stumm und demütig, duldsam, gehorsam und passiv – eben die Magd des Herrn. Blicken wir genauer hin, dann sehen wir, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Maria der Verkündigungsszene, die uns der Evangelist Lukas vor Augen stellt, ist durchaus selbstbewusst. Ihr Gesprächspartner ist ja nicht irgendwer, sondern der Engel Gottes. Trotzdem äußert sie ihr Unverständnis, fragt nach, bezieht Gegenposition. Und erst als sie wirklich überzeugt ist, erst, als sie mit Herz und Hirn ja sagen kann, gibt sie dieses Ja-Wort. Ich glaube, dass das Marienbild in der Siegburger Exerzitienkapelle ganz realistisch gemalt ist: Diese junge Frau aus Nazaret ist eine kluge, selbstständige, emanzipierte und frei denkende Person gewesen. Und kritisch obendrein. Lesen sie einmal das Magnificat, das Loblied der Maria auf Gott, das sie bei ihrer Cousine Elisabeth anstimmt, auf dieser Folie durch. Die Kirche betet es in ihrem Abendlob Tag für Tag: „Meine Seele preist die Größe des Herrn… Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Stumm, still, brav und passiv klingt irgendwie anders…

Mein zweiter Punkt. Dieses Ja zu Gott, das Maria spricht, das Ja zu seinem Willen und zu seinen Plänen mit ihr, das steht nicht allein für sich da. Es ist nicht einfach so damals gesagt und dann für immer verklungen. Nein: Wir alle, die ganze Kirche ist mit hineingenommen in dieses Ja Marias zu Gottes guter Geschichte mit uns Menschen. Maria ist in diesem Hören auf Gottes Willen das Urbild der Kirche schlechthin, sie ist der typus ecclesiae. An ihr lässt sich ablesen, was Kirche ist und was Kirche sein soll, weil sie diesem Ideal oft genug Lichtjahre hinterherhinkt. Wie Maria mit ihrem Ja-Wort zu Gott, so soll auch die Kirche sich ganz durchlässig machen auf Gottes Ja zur Welt, so soll auch die Kirche ein Sakrament der Liebe Gottes werden, Zeichen und Werkzeug dafür, dass Gottes Menschenfreundlichkeit aufscheinen kann in unserer Zeit. Es geht nicht darum, sich klein zu machen. Sondern es geht darum, sich in Dienst nehmen zu lassen. Das ist etwas ganz anderes. Wie Maria, so sollen wir in unserem, je eigenen Ja zu Gott, an unserem je eigenen Platz das je unsere dazu tun, dass er Wohnung nehmen kann mitten unter uns.

Und das führt mich zu meinem dritten und letzten Punkt. Diese junge Frau vom Ende der Welt ist durch ihr Ja zur Botschaft des Engels die Muttergottes geworden. Sie hat mit ihrem „Mir geschehe nach deinem Wort“ aus freiem Willen zugestimmt, den zur Welt zu bringen, der doch selbst diese Welt und alles, was in ihr ist, in seinen guten Händen hält. Nun können wir schwerlich Maria darin nacheifern, Mutter des Herrn zu werden. Aber es gibt in der christlichen Mystik einen Gedanken, der etwas ganz ähnliches formuliert. Da ist nämlich die Rede von der Christusgeburt in unseren Herzen. So wie Maria das Kind unter ihrem Herzen trug und zur Welt brachte, so sollen wir Christus in unseren Herzen tragen, damit er auch durch uns zur Welt kommen kann – zwar nicht in einem biologischen Sinn, aber dafür nicht weniger real und wirklich.

Christus im eigenen Herzen tragen und ihn so zur Welt kommen lassen – das wird für jeden und jede etwas anderes bedeuten, weil jeder Mensch und damit jeder Glaube, jede Gottesbeziehung einzigartig ist. Wenn ich an die Geschichte denke, die dieser Jesus genommen hat, dann sollte man es sich aber in keinem Fall irgendwie inniglich-romantisch und weltabgewandt vorstellen. Für den einen mag es bedeuten, immer wieder aufs Neue mit seinem Glauben zu ringen, die Zweifel auszuhalten und trotzdem Ja zu sagen. Für einen anderen kann es heißen, wie Maria den Protest über die Ungerechtigkeiten dieser Welt laut hinauszuschreien, die Füße in den Dreck der Zeit zu stemmen und Sand im Getriebe der Mächtigen zu sein. Die Wege, Christus im Herzen zu tragen und ihn so zur Welt kommen zu lassen, sind so vielfältig, wie es Menschen gibt. Suchen Sie den Ihrigen. Gott gebe Ihnen seinen Segen dazu.

Lk 1,26-38

 
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