Über Menschenfischer - Predigt vom 25.01.2015
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

Das also ist der Beruf einer jeden Christin, eines jeden Christen: Menschenfischerin, Menschenfischer zu sein. Wer Christus nachfolgt, wer Christi Namen trägt, den will er zu einem Menschenfischer, zu einer Menschenfischerin machen. Ein Menschenfischer sein – was kommt Ihnen bei diesem Bildwort als erstes in den Sinn? Der Evangelist Markus wählt es, weil es den Beruf der ersten Jünger aufgreift. Sie waren Fischer am See Genezareth. Als Metapher verwendet, trifft es die Lebenswelt seiner damaligen Zuhörerinnen und Zuhörer und wird von ihnen unmittelbar verstanden.

Für mich ist es ein sperriges Bild, anstößig und kantig. Mich irritiert zunächst seine Zweideutigkeit. Der Prozess des Fischens endet für den Fisch bekanntermaßen in aller Regel tödlich. Und wer ein Fangnetz auswirft, der verstrickt und umgarnt, der fesselt und zieht in seine Gewalt. Das gilt für die Netze der galiläischen Fischer wie für die Wurfnetze der römischen Gladiatoren. Das gilt aber zumindest als Gefahr ebenso für all die virtuellen wie für die gesellschaftlichen und beruflichen Netzwerke, in denen wir uns heute bewegen.

Die Irritation verstärkt sich noch, wenn man das Wort vom Menschenfischer angesichts der Nachrichten über eine wachsende Zahl an religiösen Fanatikern hört, die in Hinterhofmoscheen, Internetforen oder sonst wo Jugendliche für den Dschihad rekrutieren. Sind das auch Menschenfischer? Und christlich gewendet: Was ist mit jenen selbsternannten Menschenfischern und ihren Mitläufern, die derzeit in Dresden und anderswo das christliche Abendland zu verteidigen meinen?

Wussten Sie eigentlich, dass laut aktuellem Migrationsbericht der Bundesregierung die allermeisten Zuwanderer, die nach Deutschland kommen, katholisch sind? Sie kommen auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen aus traditionell christlich geprägten Staaten wie Polen, Rumänien, Italien, Spanien oder Griechenland. Gleiches gilt für die Asylsuchenden aus Serbien, Mazedonien oder der Ukraine. Auch aus Syrien nimmt die Bunderegierung bevorzugt syrische Christen auf. Wenn überhaupt, dann droht uns in Deutschland durch Zuwanderung nicht die Islamisierung des Abendlands, sondern dessen Re-Christianisierung! Wäre das alles nicht so ungeheuer bitter, was sich da gerade abspielt, es wäre zum Lachen. Aber das nur am Rande.

Angesichts all dessen ist es zunächst einmal gut, sich vor Augen zu führen, was diese Metapher – Christen sollen Menschenfischer sein – denn konkret bedeutet. Was heißt das denn? Für mich bedeutet es, von der Hoffnung zu erzählen, die uns in der Person und in der Botschaft Jesu Christi geschenkt ist. Es bedeutet, im eigenen Alltag die große Geschichte vom Reich Gottes weiterzutragen und andere einzuladen, dabei mitzumachen. Es geht darum, einladend zu leben, offenen Herzens und wachen Sinnes jene Gastfreundschaft zu üben, mit der Gott selbst in Christus uns als seine Freunde angenommen hat.

So bezeichnet dieses seltsame Wort vom Menschenfischer den einzigen Daseinszweck der Kirche: missionarisch in der Welt und für die Welt da zu sein, Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes in den Nöten unserer Zeit zu sein. Das heißt weder, in der selbstgenügsamen Abkapselung des Eigenen zu verharren, noch heißt es, im listenreichen Beschwatzen den anderen zu überrumpeln und ins eigene Boot zu zerren. Sondern das heißt, sich einzumischen in die Debatten und die Sorgen unserer Zeit und mit Hirn, Herz und Hand die Botschaft vom menschenfreundlichen Gott immer wieder aufs Neue weiterzusagen und mit dem eigenen Lebensbeispiel zu verlebendigen.

 

Es gibt also durchaus Möglichkeiten, echte Menschenfischer im Sinne des Evangeliums von selbsternannten Blendern zu unterscheiden. Das zentrale Kriterium scheint mir die Menschenfreundlichkeit, traditionell gesprochen: die Nächstenliebe zu sein. Denn Gott selbst ist in Christus ein Mensch geworden, um nah bei den Menschen zu sein, um für sie da zu sein. Wer Christus nachfolgen will, der folgt dem nach, der sich um der Menschen willen selbst verschenkt hat. Der folgt dem nach, der um der Menschen willen den Weg der Ohnmacht gegangen ist, bis ans Kreuz. Das also ist die Gretchenfrage aller christlichen Menschenfischer: Relativieren sie sich selbst und machen sie sich ganz durchlässig auf den Menschgewordenen hin? Dienen sie wirklich dem Leben? Sind sie durchdrungen vom Geist der Menschenfreundlichkeit unseres Gottes?

Liebe Brüder und Schwerstern im Glauben, ich möchte noch einen zweiten Gedanken dazulegen. Denn auch wenn ich mir all das vergegenwärtige, dann bleibt es dabei, dass das heutige Evangelium mit seinem Wort vom Menschenfischer für mich etwas Beunruhigendes hat. Und wenn ich ehrlich bin, dann liegt das wohl an der Ernsthaftigkeit des Nachfolgerufs, die dieses Bild ausdrückt. Ein bisschen Menschenfischer, vielleicht immer sonntags zwischen zehn und zwei Uhr, geht nicht. Das eigentlich Verstörende des Bildes liegt in seinem Anspruch. Christusnachfolge fordert ganz ein, und sie fordert den ganzen Menschen ein. Wer Christus nachfolgen will, kann nicht einzelne Bereiche seines Lebens davon ausklammern.

Die Frage bricht auf: Was bedeutet denn der Nachfolgeruf Jesu für mich, für meinen eigenen Lebensentwurf? Welches Gewicht darf die Sache Jesu denn tatsächlich in meinem Leben einnehmen? Nicht nur meine bürgerliche Bequemlichkeit liegt mir hier schwer im Magen, sondern natürlich auch all die Selbstzweifel, die damit verbunden sind: Wer bin ich denn, dass ich für so eine Aufgabe tauge? Woher weiß ich denn, dass ich vor den Versuchungen der Selbstgerechtigkeit und der Selbstgenügsamkeit, des Fischens auf eigene Rechnung sozusagen, wirklich gefeit bin?

Bei all diesen Fragen ist es gut zu wissen, dass der, der mich zu Umkehr und Nachfolge ruft, nicht nur das Himmelreich verkündet, sondern es selbst in Person schon ist. Und es ist tröstlich, dass der, der mich in Dienst nimmt, immer schon selbst als der Diener aller voran geht. Denn schauen wir noch mal genau auf das Evangelium vom heutigen Tag: Noch bevor Simon und Andreas, Jakobus und Johannes losziehen und zu verkündigen beginnen, ist in der Person Jesu das Reich Gottes schon längst nahe herbeigekommen. Es hängt also nicht allein an Simon und Andreas und nicht an Jakobus und Johannes – und es hängt auch nicht allein an mir und an uns. Das Reich Gottes ist schon da und mitten unter uns, weil Gott selbst da ist und Mensch geworden ist, einer von uns und uns zum Heil. Vorgängig zu unserem Tun sind wir doch schon als Gottes geliebte Kinder angenommen.

Der Evangelist Markus bringt das Gemeinte kurz und knapp auf den Punkt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Diese wenigen Worte sind die Überschrift und zugleich die Zusammenfassung, die Markus seiner Niederschrift der gesamten Jesusgeschichte voranstellt. Das Reich Gottes ist unmittelbar nahe – das ist Grund und Gehalt des ganzen Evangeliums, und die Person Jesu Christi als das Reich Gottes in Person ist die zentrale (Selbst-)Gabe Gottes an uns. Doch diese Gabe Gottes wird von uns nur recht empfangen im Modus ihrer Weitergabe, im Modus also der Selbstgabe des Empfangenden. Deshalb der sich unmittelbar anschließende Ruf zur Umkehr und das Bildwort vom Menschenfischer.

Eines freilich ist entscheidend: Der Indikativ des Handelns Gottes steht immer vor dem Imperativ des Umkehrrufs. Die Initiative liegt bei Gott. Je neu. Am Anfang steht immer die unbedingte Heilszusage Gottes: Du bist mein geliebtes Kind. Ich bin bei Dir. Das erste Wort ist immer das Wort Gottes, ist immer das Wort der Barmherzigkeit und des Trostes. Nur durch dieses Wort und nur auf dieses Wort hin sind wir frei, ohne Angst und ohne Selbstüberhebung als Christinnen und Christen in seinem Geist zu handeln. Heute, hier und jetzt. Amen.

Mk 1,14-20
 
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