Loslassen - Fastenpredigt zum 3. Fastensonntag 2015
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

Als junger Kerl bin ich regelmäßig einmal im Monat mit Gleichgesinnten in ein Kapuzinerkloster im Hochschwarzwald gepilgert. Dort gab es eine Junge Franziskanische Gemeinschaft, der wir uns zugehörig fühlten. Freilich muss ich gestehen, dass ich nicht nur wegen des franziskanischen Geistes oder der religiösen Klosteratmosphäre dabei war, sondern auch, weil ich damals die ein oder andere junge Dame aus unserer Gruppe ziemlich beeindruckend fand.

Mit anderen Worten: Ich war in jenen Jahren einigermaßen chronisch verknallt, und selbstverständlich zuallermeist unglücklich…

In meiner Verzweiflung fragte ich einmal eine der in diesem Kloster ansässigen Franziskanerinnen in einem Begleitgespräch, was das denn überhaupt sei: die Liebe… Und sie antwortete mir mit dem Satz: „Liebe ist Loslassen. Sich selbst und andere.“ Das war mir nun völlig befremdlich, hatte ich doch Liebe bisher eher mit einer gewissen Anhänglichkeit in Verbindung gebracht…

„Liebe ist Loslassen. Sich selbst und andere“. Den Namen der Nonne habe ich längst vergessen, aber dieser Satz ist mir durch all die Jahre haften geblieben. Und als es daran ging, die heutige Fastenpredigt zum Thema Loslassen zu schreiben, kam er mir wieder in den Sinn. Liebe ist Loslassen, sich selbst und andere. Ganz langsam, nach inzwischen doch einigen Ehejahren und im Familienalltag mit zwei zunehmend selbstständigen jungen Töchtern, ahne ich, was damit gemeint sein könnte. Liebe ist Loslassen. Und Loslassen kann auch heißen, zu lieben.

Es gibt die verschiedensten Weisen loszulassen. Gerade die Fastenzeit ist als eine große Übung in das Loslassen gedacht. Dabei ist Loslassen kein Selbstzweck, sondern soll dazu dienen, sich erneut auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren, sich innerlich neu zu justieren. Letztlich soll es uns wieder neu bewusst machen, dass nicht irgendwelche materiellen Dinge, sondern allein unsere Beziehung zu Gott das ist, was uns im Leben Halt und Stand verschafft. So sind wir eingeladen, in diesen Wochen vor Ostern das Loslassen einzuüben: Loslassen zunächst natürlich von gewissen materiellen Dingen oder von liebgewordenen Gewohnheiten. Der eine trinkt in der Fastenzeit keinen Alkohol, die andere versucht, auf Fleisch oder üppiges Essen zu verzichten. Ein Dritter will versuchen, so oft als möglich das Auto stehen zu lassen. Wieder andere versuchen es mit Facebook- oder Internetfasten oder lassen den Fernseher aus.

Bei all diesen Loslass-Übungen geht es nicht um den Verzicht als solchen. Sondern es geht vor allem darum, von festgefahrenen Vorstellungen loszukommen, um den geistigen wie geistlichen Kompass wieder neu ausrichten zu können auf das, was wirklich zählt. Die materielle Außenseite ist dabei nur das Vehikel. Dem äußeren soll ein inneres Loslassen entsprechen. Aus dem Loslassen von Äußerlichkeiten soll ein Sich-selber-Loslassen auf Gott hin werden. Soviel Ballast will losgelassen und zurückgelassen werden: eigene Vorurteile, Klischees, Feindbilder, festgefahrene Ansichten. Es ist gut, wenn unsere eigene Irritationsfestigkeit gehörig erschüttert wird, wenn der Panzer an Ansichten und Meinungen, mit denen wir die Dinge und Menschen um uns herum in Schubladen ordnen, Risse bekommt.

Liebe ist Loslassen, sich selbst und andere.

Sich selber loslassen, das kann bedeuten, von den Plänen, die wir mit unserem Leben haben, einen Schritt zurückzutreten und die Vorstellungen, die wir von unserer eigenen Zukunft haben, noch einmal aus einer anderen Perspektive anzuschauen. Es kann bedeuten, Zukunftsängste zu bearbeiten, um sie endlich loslassen zu können. Manchmal müssen wir daran arbeiten, um die Bilder über uns selbst, die uns von anderen eingebrannt wurden, loslassen zu können: Du kannst das nicht, du schaffst das nicht, du bist zu klein, zu schwach, zu dumm… Manchmal ist es Arbeit, die Geschichten über uns selbst, die wir mit uns herumtragen, endlich loszulassen, um frei atmen zu können: Du taugst nur, wenn du Erfolg hast, du zählst nur, wenn du der Beste bist… Oft braucht es dazu ein heilsames, sensibles Umfeld, manchmal ein therapeutisches.

In der ignatianisch geprägten Spiritualität der Jesuiten gibt es eine geistliche Übung, die um die Haltung der Indifferenz kreist. Dabei geht es darum, innerlich einen Schritt zurückzutreten von dem Bild, das wir von uns und unserer Zukunft haben, um frei zu werden für das, was Gott mit uns vorhat. Es geht darum, eine innere Gleichmut einzuüben; eine Gelassenheit sich selbst gegenüber, die das genaue Gegenteil von teilnahmsloser Gleichgültigkeit ist. Sich selber loslassen, das heißt in diesem Sinne, indifferent zu werden gegenüber dem eigenen Selbstbild, sich verabschieden von dem Konzept, das wir uns von uns selber machen – und immer wieder aufs Neue zu fragen, was denn Gott für ein Bild von uns haben könnte, was denn eigentlich der Plan Gottes mit uns und unserem Leben sein könnte – und dann weiter zu überlegen, wie wir dem am besten entsprechen könnten. Das ist ein großes Wagnis, weil wir damit anerkennen, dass wir nicht die alleinigen Herren unserer Identität sind. Aber es schenkt auch eine große Freiheit: Wer gelernt hat sich selber loszulassen, der ist frei, sich auf anderes und auf andere einzulassen, der ist frei, wirklich in Beziehung zu treten zu anderen Menschen.

Liebe ist Loslassen, sich selbst und andere.

Noch besser wäre es, wenn uns das Loslassen nicht nur in Bezug auf unser Selbstkonzept, sondern auch in Bezug auf unser Gottesbild gelänge. Wir haben es in der ersten Lesung gerade gehört: Neben das Fremdgötterverbot – du sollst neben mir keine anderen Götter haben – tritt unmittelbar das Bilderverbot: Du sollst dir kein Gottesbild machen. Beides gehört zusammen. Dass wir uns nicht vor den Götzen unserer Zeit verbeugen sollen, leuchtet ein. Auch dazu kann die Fastenzeit eine hilfreiche Übung sein. Schwieriger ist es mit dem Bilderverbot. Denn dass wir gewisse Vorstellungen von Gott haben, ist unumgänglich. Ich denke, wir dürfen dieses erste Gebot dahin interpretieren, dass wir immer wieder bereit sein sollen, unsere Vorstellungen von Gott loszulassen. Sind wir eigentlich noch bereit, uns von Gott überraschen zu lassen? Das Bild, das wir uns von Gott gemacht haben, loslassen: das heißt akzeptieren, dass Gott größer ist als unsere Vorstellungen und Konzepte von ihm, das heißt anerkennen, dass er frei ist. Unser Bild von Gott loslassen, das heißt darauf vertrauen, dass er wirklich Gott ist und kein Götze, den wir rituell manipulieren oder dem wir habhaft werden könnten. Wir dürfen uns Gott anvertrauen, aber wir haben ihn nicht in der Hand. Lieben heißt Loslassen – Gott lieben kann heißen, liebgewordene Vorstellungen von Gott loszulassen, um dem je größeren Gott die Ehre zu geben.

Schauen wir zum Schluss nochmals auf meine Begegnung in jenem Kapuzinerkloster. Ich hatte ja ein bestimmtes Bild von romantischer Liebe im Kopf, so eine Art inniglicher Verbundenheit durch Seelenverwandtschaft. Die Franziskanerin machte mir einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Liebe ist Loslassen, sagte sie. Sich selbst und andere.

Der Schriftsteller Max Frisch hat diesen Gedanken in seinen Tagebüchern ebenfalls in Verbindung gebracht mit dem biblischen Bilderverbot aus unserer heutigen ersten Lesung: Du sollst dir kein Bildnis machen. Wir machen, so sagt Max Frisch, uns immer ein Bild von unserem Nächsten, pressen ihn hinein in das Korsett unserer Vorstellungen von ihm. Wir halten ihn fest, weil wir an dem Bild klammern, das wir von ihm haben. Wir gleichen nicht unser Bild an den Menschen an, sondern den Menschen an unser Bild von ihm. Und wir brauchen das, weil unser eigenes Selbstbild daran hängt.

Nur wenn wir lieben, so Frisch, geben wir unser Gegenüber frei und lassen es sein, wie es ist. Nur wenn wir lieben, halten wir diese unfassbare Schwebe des Lebendigen aus, ertragen wir das Offene, Fließende, Nichtfertige. Die Liebe, so schreibt Max Frisch, befreit aus jeglichem Bildnis. Wer liebt, lässt los, lässt frei – und lässt zu, dass der geliebte Mensch sich anders entwickelt, als man es erwartet oder vielleicht sogar für gut befindet. Und umgekehrt: Sobald wir an dem Bild, das wir uns einmal vom Anderen gemacht haben, festhalten, kündigen wir ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt. Man macht sich, so Max Frisch, ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.

Liebe ist Loslassen, sich selbst und andere. Mein Impuls an diesem dritten Fastensonntag: Üben Sie doch einmal das Bilder-Fasten ein, das Loslassen all der Bilder, die Sie von sich, von Ihrem Gott und von den Menschen in Ihrer Umgebung gemacht haben. Ich bin überzeugt, dieses Fasten wird ein Weg zu mehr Freiheit sein.

 

Ex 20,1-17; 1 Kor 1,22-25; Joh 2,13-25

 
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