Innehalten - Predit zum 5. Fastensonntag
Geschrieben von: Br. Daniel Stadtherr   

Liebe Schwestern und Brüder,

Auf den Geschmack des Lebens kommen – Franziskanische Alltagsspiritualität [i], so lautet der Titel eines kleinen Büchleins von Cornelius Bohl, dem Provinzial der Deutschen Franziskanerprovinz. Schlüsselwörter sollen uns helfen, was es mit dieser Alltagsspiritualität auf sich hat, um so auf den Geschmack des Lebens zu kommen. Ein fünftes und letztes Schlüsselwort kommt heute hinzu: „innehalten“.

Innehalten ist die Klammer, die alle bisherigen Schlüsselwörter miteinander verbindet. P. Josef hat uns eingestimmt mit „sich wandeln“. Wir haben von P. Maximilian erfahren, wie „Begegnung verändert“.  Am dritten Fastensonntag hat uns Diakon Matthias Reményi dargelegt: Liebe heißt loslassen, von sich selbst und vom anderen. Am vergangenen Sonntag hat P. Damian über Voraussetzung – Schicksal – Verheißung von Wachsen gepredigt. Und heute zum Abschluss halten wir schlicht und einfach inne. Es mag sein, dass dieses Innehalten dem einen leichter, dem anderen schwerer fällt.

 

Warum das so ist, offenbart ein Blick in die Bibel. „Innehalten“ kommt nur zweimal vor, und zwar im AT. Das mag an der Einheitsübersetzung liegen oder die Annahme zulassen, dass „innehalten“ so selbstverständlich ist, dass es nicht eigens erwähnt werden muss. Vielleicht war aber auch meine gezielte Suche nach dem Wort „innehalten“ ein falscher Ansatz, der mich so auf die falsche Fährte geführt hat. „Innehalten“, oder ‚etwas unterbrechen‘, wie der Duden als Synonym vorschlägt, ist scheinbar mehr. Dieses Mehr möchte ich nun entfalten.

Was bedeutet „innehalten“ im Sprachgebrauch Gottes? Drei kurze Beispiele dazu[ii]:

Ein erstes Beispiel: Schöpfungsgeschichte

Am Beginn des AT, im Buch Genesis, wird uns ein schöpferischer Gott vorgestellt. Er ruft dabei erstaunliche Dinge ins Dasein: das Licht, Tag und Nacht, Himmel und Erde, Land und Wasser, Pflanzen, Bäume, Tiere sowie den Menschen, als Krone der Schöpfung.

Am Ende dieser Erzählung hören wir eine überraschende Bemerkung: Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein Werk vollbracht hatte (Gen 2,2).

Gott ist also nicht nur der Schaffende, sondern auch der, der ruht. Gott hat dieses „Ruhen“ eingeführt, weil er um die  Bedürftigkeit des Menschen nach Ruhe wusste. Er ahnte womöglich auch, dass das Ruhehalten umkämpft sein würde. In den zehn Geboten hat Gott einen Ruhetag verordnet.  Jesus greift später das alte Sabbat-Gebot wieder auf und erklärt, dass der Ruhetag um des Menschen willen geschaffen wurde, zum Wohl für den ganzen Menschen.

Ein zweites Beispiel: Jesus sucht die Einsamkeit, um zu beten

In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand Jesus auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten (Mk 1,35).

Das Innehalten Jesu, sein Entfliehen in die Einsamkeit ist oft verbunden mit dem Gebet an Gott. Als wahrer Gottes- und Menschensohn ist sein Leben geprägt von Bedürfnissen und Versuchungen, aber auch von Wundern, Taten der Nächstenliebe und der Verkündigung des Gottesreiches. Wir haben einen großen Gewinn davon, sein Leben aufmerksam zu betrachten und von Ihm zu lernen. Dieses Lernen vom Leben Jesu heißt eben auch Gebet, Einsamkeit und Innehalten. Das eine ist ohne das andere bei Jesus nicht denkbar.

Ein drittes Beispiel: Jesus ist zu Gast bei Marta und Maria

Marta ist ganz davon in Beschlag genommen für den Herrn zu sorgen, während Maria dem Herrn zu Füßen sitzt und seinen Worten lauscht.

Marta wollte dem Herrn viel geben ó Maria hatte das Verlangen, viel von Ihm zu empfangen.

Bei Marta steht die Produktivität ó bei Maria die bedürftige Aufnahme von Worten im Vordergrund.

Jesus sagt: Nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere, das Richtige, erwählt, das soll ihr nicht genommen werden (Lk 10,42).

Diese drei biblischen Beispiele zeigen, wie sich „innehalten“ vollzieht: Ausruhen, um Kraft zu tanken / mit Gott im Dialog sein / sein Tun unterbrechen, um Gottes Wort zu hören.

Eines ist diesen drei Beispielen gemeinsam: die Zeit. Wenn wir „innehalten“ bewusst oder unbewusst, um so wieder neue auf den Geschmack des Lebens zu kommen, ist dies keine verlorene Zeit, sondern vielmehr eine notwendige, heilsame und kostbare Zeit.

Vieles braucht Zeit, doch oft haben wir keine Zeit. Wir machen Dinge besonders schnell, um Zeit zu sparen. Je weniger Zeit etwas braucht, umso besser. Dabei wissen wir: Vieles braucht einfach Zeit, ob in der Natur, beim Menschen, oder wie am vergangenen Freitag zu erleben: bei dem Naturphänomen der Sonnenfinsternis. Nicht zuletzt brauchen auch innere Prozesse Zeit: Heilung einer Krankheit, Trauer und Verlusterfahrungen oder auch Berufungsklärung. Letztere bei mir immerhin sieben Jahre.

Zeit lehrt Hoffnung und Vertrauen. Zeit ist letztlich unverfügbar, mit anderen Worten: Ich habe die Zeit nicht in der Hand. Was vorbei ist, ist vorbei. Deshalb ist das Leben in der Zeit immer auch Erfahrung von Begrenzung. Ich kann nur im Hier und Jetzt leben. Ich kann die Zeit von heute nicht für morgen sparen. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig als zu vertrauen, so wie Jesus sein Vertrauen ganz auf Gott gesetzt hat.

„Die Erfahrung von geschenkter Zeit (…) ist eine Transzendenzerfahrung“[iii], schreibt P. Cornelius. Sie rührt an ein Geheimnis. Sie öffnet für Gott. 

Die mir geschenkte Zeit ist nicht nur Gabe, sondern zugleich Aufgabe. Was tue ich mit meiner Zeit? Vertreiben? Totschlagen? Sparen?

In sich ist die Zeit kein Wert. Zeit wird erst wertvoll, wenn ich sie sinnvoll fülle. In der Zeit stecken viele Möglichkeiten. Zeit wird noch wertvoller und sinnvoller, wenn sie mit und von Gott gefüllt wird. Daher heißt „innehalten“ für mich: Seiner Stimme in mir Raum zu geben oder Gott etwas an mir tun zu lassen.

Bernhard von Clairvaux schrieb seinerzeit an einen gestressten Papst, der einmal selbst Mönch war.[iv]:

Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. (…)

Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. (…)

Gedenke, auch Du bist ein Mensch.

Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. (…) Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat.

Ja, wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst! Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Gönne Dich Dir selbst! Halte inne! – Gib Gottes Stimme Raum, um wieder neu auf den Geschmack des Lebens zu kommen.

Amen.

[i]         Cornelius BOHL: Auf den Geschmack des Lebens kommen. Franziskanische Alltags-Spiritualität, Würzburg 2014.

[ii]     Vgl. URL: http://www.christliche-gemeinde-werne.de/knoedlerpredigt01.pdf [Abruf: 19.03.2015, 15:00].

[iii]    Vgl. BOHL, 47-52.

[iv]    Bernhard von Clairvaux: Gönne Dich Dir selbst. Ein Brief an Papst Eugen III. (URL: http://www.normanrentrop.de/de/gefunden/index_34726.html; Abruf: 21.03.2015, 17:20)

 
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