Lass Dir an meiner Gnade genügen - Predigt am 5. Juli 2015
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben, ich möchte heute mit Ihnen über einen Satz des Paulus aus der zweiten Lesung nachdenken, der quer zu unserer allgemeinen Erfahrung zu stehen scheint. Wenn ich schwach bin, sagt Paulus, dann bin ich stark. Denn, so das Argument des Paulus, Christi Gnade erweist ihre Kraft gerade in der Schwachheit. Wenn ich schwach bin, bin ich stark? Unsere ganze Alltagserfahrung scheint doch auf das Gegenteil hinzuweisen.

In einer Zeit, die immer mehr auf Schnelligkeit, Rationalität und Effizienz getrimmt ist, ist eigentlich kein Raum mehr für Schwäche. In einem System, das einseitig auf Wachstum und Gewinnmaximierung geeicht ist, werden die, die nicht mithalten können, an den Rand gestellt, ausgesondert. Wir kokettieren vielleicht manchmal damit, dass wir schwach geworden sind – und zu viel eingekauft oder falsch gegessen haben. Aber ein tatsächliches Versagen, ein Nichtgenügen angesichts der Ansprüche, die von außen an uns herangetragen werden, eine nur unzureichende Leistungsfähigkeit – dafür ist eigentlich kein Platz. All das haben wir schon längst perfekt internalisiert, definieren uns selbst darüber – und machen uns so erst recht kaputt. Was meint nun Paulus mit diesem seltsamen Satz: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark?

Die historische Einordnung dieser Verse ist einigermaßen klar: Paulus weiß um seine einzigartige Berufung als Apostel, sieht sich aber in Korinth von Gegnern attackiert, die seine Person und seine besondere Rolle in der Gemeinde scharf ablehnen. Falsche Propheten sind aufgetaucht, die ihm den Rang ablaufen wollen und seine Autorität in Frage stellen. Paulus ist zwar von seiner ganz besonderen Gotteserfahrung überzeugt, erfährt sich aber zugleich als angefochten und schwach. Was dieser Stachel ist, der ihm ins Fleisch gestoßen wurde, dieser Bote Satans, der ihn quält, wissen wir nicht genau. Wahrscheinlich thematisiert Paulus hier – eingekleidet in mythologische Sprache – ein chronisches körperliches oder seelisches Leiden, eventuell eine Depression oder eine Epilepsie. Der Lesungstext beschreibt, wie Paulus gerade in dieser Situation der Schwäche die besondere Nähe Gottes spürt. Deshalb rühmt er sich nicht seiner Stärken, seiner besonderen Leistungen oder Begabungen, sondern eben dieser Schwachheit – und stellt damit die gängigen gesellschaftlichen Konventionen und Wertvorstellungen kurzerhand auf den Kopf. Diese Umkehrung der Werte – wenn ich schwach bin, dann bin ich stark – nennt Paulus selbst eine Narretei, wenn man sie mit den gewohnten Maßstäben betrachtet. Er selbst bezeichnet sich als einen Narren vor dem Herrn. Deshalb hat man das Kapitel des zweiten Korintherbriefs, aus dem die heutige Lesung stammt, auch die Narrenrede des Paulus genannt.

Zentral ist nun, dass diese Umwertung aller Werte, dieser so eigentümliche Lobpreis der Schwachheit zu einem Zentralwort des christlichen Glaubens geworden. Der auferstandene Christus spricht Paulus in seine Krise hinein zu: „Meine Gnade genügt, denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit“. Das ist mehr als nur der Trost an einen Kranken und Einsamen. Das ist auch mehr als nur ein alternatives Gesellschaftsmodell. Das ist die Magna Charta des christlichen Weges schlechthin. Der christliche Glaube ist ein Glaube daran, dass Gott sich klein macht, sich auf den Weg der Niedrigkeit begibt, weg von sich und hin zu uns Menschen; der Glaube daran, dass er einer von uns wird, an unserer Schwachheit teilhat, unser Leiden kennt, bis hin zum Tod am Kreuz – und dass er gerade so zum Retter aller wird. Paulus zieht nur die existentielle Konsequenz aus dieser Grundbewegung Gottes zu uns hin, wenn er formuliert: „Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, denn wenn ich schwach bin, bin ich stark“.

Die Ohnmacht bejahen, weil sie die einzige Weise ist, in der Gott mächtig sein will – darum geht es, und das ist eine unfassbare existentielle Herausforderung. Gott will seine Macht nur in der Ohnmacht der Liebe ausüben, die auf das freie Ja des Menschen angewiesen ist. Diese Maxime Gottes im eigenen Leben übernehmen, sie also nicht nur irgendwie aushalten, sondern wirklich tief bejahen und annehmen, das ist ein Lebensprogramm. Es ist aber auch für die Institution Kirche, für die Bistümer und die einzelnen Gemeinden, eine nicht geringe Herausforderung. Wie gestalten wir das Ende der Ära der Volkskirche? Wie gehen wir mit der Erfahrung um, dass das Christentum – zumindest im Osten Deutschlands und in Berlin – seine kulturelle Prägekraft, seine Beheimatung in der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft unwiederbringlich verloren hat? Was tun wir auch angesichts der Milieuverengung, unter der unsere Gemeinden leiden? Ziehen wir uns zurück in selbstgemachte Ghettos, erfreuen wir uns an unserer vermeintlichen moralischen Überlegenheit angesichts einer vermeintlich gott- und glaubenslosen Umgebung – oder finden wir die geistige und geistliche Kraft, auch diese Prozesse zu deuten als Mitvollzug des Weges Gottes in unserer Welt?

Vielleicht kann das Wort Jesu Christi, das Paulus überliefert, als eine Orientierung dienen. Es ist ja uns allen zugesprochen: „Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Was das bedeuten kann? Ich möchte einen Antwortversuch in vier Schritten versuchen: Zunächst einmal gilt es, genauso realistisch wie Paulus die Situation anzunehmen, in der wir diese Schwachheit wahrnehmen. Der erste Schritt ist, ganz nüchtern zu sehen, was der Fall ist. Das mag für jede und jeden lebensweltlich anders gefärbt sein. Immer aber geht es darum, die eigene Ohnmacht ungeschönt anzusehen und die Wirklichkeit, wie sie ist, ohne ideologische Brille zur Kenntnis zu nehmen. Es ist nicht leicht, uns selbst anzunehmen in dieser Machtlosigkeit. Genauso wenig ist es leicht, die Ohnmacht uns nahestehender Dritter auszuhalten, die vielleicht ganz anders als wir auf dieses Erleben der eigenen Begrenzung reagieren.

Diese Schwäche – mein zweiter Impuls – dürfen wir Christus hinhalten. Wir dürfen sie deuten als Mitvollzug seines Weges, als Verähnlichung mit ihm. Früher hat man dazu das schöne Wort gebraucht: die eigenen Nöte Christus weihen. Man meinte damit Christusnachfolge mit der eigenen, angefochtenen Existenz nicht nur in Aktivität und Strahlkraft, sondern auch in Passivität und Leid. Das ist so lange legitim, so lange wir daraus keine Glorifizierung des Leidens machen und so lange wir uns darin nicht wohlig einrichten (auch das gibt es!). Leid und Not haben in sich keinen Sinn, sondern gehören abgeschafft. Erfahrungen der Ohnmacht und Ausgrenzung sind nichts Erstrebenswertes. Aber wenn wir ihnen ausgesetzt sind, dann haben wir auch das Recht, sie zu deuten als konkrete, ganz realistisch gelebte Christusnachfolge und ihnen so einen Sinn abzuringen.

Denn wir dürfen – drittens – darauf vertrauen, dass sich Gott gerade in dieser Ohnmachtserfahrung verstehbar und erfahrbar machen will. Es kann sein, dass sich Gottes guter Geist gerade in der Enttäuschung unserer Erwartungen, im Durchkreuzen unserer Pläne zeigen will. Gott ist frei, er beugt sich nicht unseren Strukturplanungen und auch nicht unseren Lebensträumen. Wir wissen nicht, welchen Weg Gott uns führen will. Wir wissen nur, dass es gut sein wird. Aber diese Unwissenheit, diese Indifferenz ist – auch wenn es paradox klingt – unser größter Schatz. Denn sie lehrt uns, auf die Zeichen der Zeit zu achten. Sie lehrt uns, je neu danach zu fragen, was Gottes Wille in der konkreten Situation sein kann. Sie lehrt uns, wirklich aus ganzem Herzen auf Gott zu vertrauen.

Mein vierter Punkt. Aus diesem Vertrauen heraus, dass Gottes Gnade, seine Kraft und seine Wahrheit in den Schwachen dieser Zeit mächtig sein wollen, dürfen und können wir das eigene Tun gestalten; und das heißt: den Geist wach und weit halten, das Herz offen, die Hände zugewandt; ohne Überforderung und Selbstüberhebung, aber auch ohne Angst, ohne Kleinmut und ohne Resignation das uns Mögliche möglichst gut tun. Dazu gebe Gott uns allen seinen Segen.

 

2 Kor 12,7-10

 
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