Kranke besuchen / Sich um Gefangene sorgen - Fastenpredigt 27./28.02.2016: Werke der Barmherzigkeit
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

Vergangene Woche erwähnte Pater Damian bei seiner Fastenpredigt, dass er großen Respekt vor dem Thema und der Predigt gehabt habe. Ich kann es ihm gut nachfühlen. Die Herausforderung für mich persönlich liegt in der Konkretheit, mit der die leiblichen Werke der Barmherzigkeit, um die sich diese Fastenpredigtreihe dreht, uns immer wieder aufs Neue in Anspruch nehmen wollen. Hungernden und Dürstenden zu essen und zu trinken geben, Fremde beherbergen und Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen, Tote bestatten – das ist ganz konkret, eben leiblich-handfest, das lässt sich gewissermaßen direkt abfragen: Wann habe ich zum letzten Mal einen kranken Menschen besucht, wann zum letzten Mal mich um Gefangene gesorgt? Und irgendwie habe ich dann das Gefühl, dass meine Bilanz dabei ziemlich mau aussieht.

Es ist, so kommt es mir vor, eine ganz klare To-do-Liste für uns Christinnen und Christen, die uns aufgetragen ist und die nichts an Deutlichkeit zu wünschen übriglässt. Und diese Liste ist bedauerlicherweise so ganz anders als die To-do-Listen, die ich mir im beruflichen Kontext tagtäglich mache. Vielleicht trifft mich diese biblische Barmherzigkeitsliste so, weil sie so schlecht mit meiner beruflichen Agenda und den damit verbundenen Zeitnöten vereinbar scheint. Vielleicht auch, weil sie mein Ethos als Diakon berührt. Uns Diakonen ist dieser Dienst der Barmherzigkeit auf besondere Weise anvertraut. Gilt hier nicht: Es ist nie genug getan? Kann es bei Werken der Barmherzigkeit je ein Genug geben?

Kranke pflegen, Gefangene besuchen. Das klingt ganz konkret, und so ist es auch gemeint. Wir sollten uns dieser Sperrigkeit, dieser Anstößigkeit des Konkreten aussetzen. Die Gerichtsparabel bei Matthäus, aus der die Liste der leiblichen Werke der Barmherzigkeit genommen ist, ist vom Evangelisten ganz bewusst konkret gehalten: In den Kranken und den Gefangenen unserer Zeit begegnet uns Christus, und an unserem Umgang mit den Kranken und Gefangenen unserer Zeit werden wir uns dereinst messen lassen müssen. Das ist, folgt man jener Rede Jesu vom Weltgericht im Matthäusevangelium, das einzige Kriterium, das einmal zählen wird. Es ist vollkommen egal, wie klug, erfolgreich oder angesehen einer ist. Es ist auch vollkommen egal, wie fromm einer ist, es ist im Allerletzten sogar egal, ob einer Christ ist und an Jesus glaubt oder nicht – wenn er nur barmherzig ist, wenn er nur das Gute tut; mit Blick auf das heutige Predigtthema: Wenn er nur Kranke pflegt und Gefangene besucht.

Soweit die Theorie. Und in der Praxis? Es ist seit jeher ein Grundauftrag der Kirche, Kranke zu pflegen, sich um Kranke zu kümmern. Es gibt Orden, die sich nur dieser einen Aufgabe widmen. Es gibt christliche Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime, die genau dieses leibliche Werk der Barmherzigkeit mit Leben füllen. Die Kirche hat ein eigenes Sakrament, das der Stärkung in Krankheit dient: die Krankensalbung. Sie ist mehr als nur die vermeintliche letzte Ölung.

Aber es ist auch so, dass die Hauptlast der Krankensorge bei uns immer noch in den Familien liegt, und hier besonders bei den Frauen. 70% der Pflegebedürftigen werden in unserem Land von Angehörigen zuhause gepflegt. Wer pflegt eigentlich die Pflegenden? Als ich kurz vor dem Schulabschluss stand, zog meine krebskranke Großmutter für ihre letzten Monate bei uns zu Hause ein. Ich erinnere mich gut nicht nur an den schieren Stress der Pflege, an den Gestank und den Ekel, wenn sie wieder einmal die volle Windel weggerissen hatte, sondern auch an die jahrelang nur mühsam verdrängten Konflikte, die plötzlich aufbrachen und die das Familiensystem an den Rand des Kollapses brachten. Und ich erinnere mich an das schlechte Gewissen, das ich hatte, als sie starb, weil ich so erleichtert war, dass es nun vorbei ist.

Und wie ist es mit den Gefangenen? Natürlich, es gibt den Dienst des Gefängnisseelsorgers. Aber auch hier sollten wir uns vor Romantisierungen hüten: Es geht nicht um den Unschuldigen, der wegen eines Justizirrtums einsitzt. Es geht wirklich um Kriminelle, um die kleinen und großen Gangster und Verbrecher, um die Stinkstiefel und Ekelpakete, um die wir alle am liebsten einen großen Bogen machen, vor denen wir uns fürchten und die uns zutiefst zuwider sind.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung, die in diesen leiblichen Werken der Barmherzigkeit steckt: dass sie uns, wenn wir sie ernst nehmen, zwingen, Grenzen zu überwinden – die Grenzen unserer Angst, die Grenzen unserer gesellschaftlichen Konvention, auch die Grenzen unserer manchmal so engstirnigen Moral.

Es ist heute immer noch so, dass Krankheit stigmatisiert. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: So weit weg vom antiken Tun-Ergehen-Zusammenhang, wie wir uns das wünschen, sind wir gar nicht. Wir wissen zwar, dass der Beinbruch keine Strafe Gottes für die Sünde ist, aber lehrt uns nicht die Psychosomatik, wie eng die Verbindung von Körper und Geist, von Verhalten und Gesundheit ist? Ist man dann nicht doch ein wenig selber schuld an den Rückenschmerzen und dem Bluthochdruck? Und warum sprechen wir alle vom Burnout, an dem wir leiden, aber nicht von der Depression, die uns quält? Vielleicht, weil der Burnout signalisiert, dass wir gearbeitet haben wie die Pferde, dass wir eigentlich dazu gehören, die Depression aber, dass wir einfach nur im Loch hängen, dass wir draußen sind. Krankheit grenzt aus. Auch heute noch. Kranke besuchen hilft Grenzen überwinden.

Und die Gefangenen? Haben die nicht ihre Strafe verdient? Wir sind für unser Tun verantwortlich, können nicht alles abschieben auf unsere Sozialisation und die widrigen Umstände. Und muss nicht Gerechtigkeit herrschen, weil sonst ein Zusammenleben gar nicht mehr möglich ist? Haben wir als Gesellschaft nicht die Pflicht, uns vor Kriminellen zu schützen? Empören wir uns nicht zu Recht über all die Mörder, Verbrecher, Kinderschänder und Betrüger?

Jesu Forderung nach Werken der Barmherzigkeit hebt die Gerechtigkeit, die Verantwortlichkeit und die Ethik nicht auf. Er kleistert das Unrecht der Täter und das Leid der Opfer nicht einfach mit einer süßen Soße zu. Aber er gibt uns drei Hinweise an die Hand, die helfen, dass aus Gerechtigkeit nicht Hartherzigkeit wird und Moral nicht in Selbstgefälligkeit und Heuchelei umkippt. Es sind drei Hinweise, die uns helfen, diese Grenzen der Angst, der Konvention und der Moral zu überwinden.

Der erste Hinweis: Erinnere Dich immer daran, dass zuerst Du selbst es bist, der Heilung und Befreiung nötig hat. Das ist die Pointe der Geschichte des einstürzenden Turms von Schiloach, die Jesus im Evangelium heute erzählt: Alle miteinander sind wir Sünder, alle haben wir Bekehrung nötig, und in diesem Sinn sind wir alle auch krank in unserer Ichsucht und gefangen in den Verliesen unserer Einsamkeit und unserer Angst. Wer Kranke pflegt und Gefangene besucht, tut das auch, weil er um die eigene Bedürftigkeit weiß – und weil er weiß, dass im Letzten niemand sich selbst retten kann. Wir brauchen einander. Soll Menschlichkeit sein, müssen da Menschen (im Plural) sein, füreinander und miteinander.

Der zweite Hinweis: Diese Heilung und Befreiung, die wir alle so bitter nötig haben, wird uns von Gott her zugesprochen, und zwar immer schon, gratis, vorgängig und unabhängig von unserem Tun. Das ist die Pointe des Bildwortes vom Feigenbaum, der keine Frucht trägt. Auch wenn es manchmal angesichts unserer Herzensträgheit das Sinnloseste überhaupt zu sein scheint: Der Feigenbaum unseres Lebens wird nicht umgehauen, sondern von Gott liebevoll aufgegraben und gedüngt. Wer aber wollte meinen, dass dann, wenn Gott selbst den Dünger der Liebe in den Acker unseres Lebens einstreut, wir keine Frucht tragen? Wir müssen nichts tun, es nur geschehen lassen. Nur ja sagen zu Gottes Wunsch, uns wachsen und Frucht tragen zu lassen, das ist unser Beitrag. Schwer genug.

Und das ist dann auch schon der dritte und letzte Hinweis, den Jesus in seinen Gleichnissen dazulegt, um uns bei der Überwindung der genannten Grenzen zu helfen: Der Gott, den er in all diesen Gleichnissen und Zeichenhandlungen verkündet, ist selbst ein Gott der Befreiung. Es ist der Gott, der Israel aus Ägypten befreit und ins gelobte Land begleitet hat: der Bundesgott, der treue Gott, der solidarische Gott. Es ist der Gott, der sich dem Mose am Horeb geoffenbart hat als der, der immer da sein wird. „Ich bin der: ‚Ich bin doch da für dich‘“ – das ist der Name Gottes, ausgerufen über uns und für alle Zeit. Wenn Jesus sich in der Parabel vom Weltgericht mit den Hungernden und Dürstenden, mit den Kranken und Gefangenen, mit den Fremden, Nackten und Sterbenden nicht nur solidarisiert, sondern identifiziert, dann liegt das genau auf dieser Linie.

Deshalb sind die sieben Werke der Barmherzigkeit bei Licht betrachtet auch gar keine To-do-Liste! Wer sie nur als To-do-Liste ansieht, wird niemals aus dem Zirkel der Werkgerechtigkeit, der Selbstrechtfertigung und Selbstüberforderung herauskommen. Sie sind nicht etwas, das getan werden muss, damit wir unser Soll vor Gott erfüllen. Sondern sie sind die Frucht und die Folge des Heilshandelns Gottes an uns. Kann es bei Werken der Barmherzigkeit je ein Genug geben? Es ist nie genug getan: Das stimmt nur, wenn man den anderen Satz sich auch zu sagen gestattet: In Christus ist immer schon genug getan. Es ist nie und immer schon genug getan. Amen.

Ex 3,1-8a.13-15 / 1 Kor 10,1-6.10-12 / Lk 13,1-9
 
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