Pfingsten 2016: Den neuen Anfang wagen
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern!

Mit dem Anfangen ist es so eine Sache. Aller Anfang ist schwer, sagt man, und da ist wohl viel Wahres dran. Deshalb bleibt uns ein geglückter Anfang im Gedächtnis haften: Wir denken daran zurück und erinnern uns gerne. Und wenn noch mehr Zeit verstrichen ist, dann beginnen sich Geschichten und Erzählungen darum zu ranken. Gründungsmythen entstehen. Deshalb eignet dem guten Anfang auch die Gefahr, romantisiert und verkitscht zu werden. Wer kennt nicht das Gedicht von Hermann Hesse: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“ Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich kann es schon fast nicht mehr hören. Für mich hat Neubeginn zumeist wenig mit Zauberhaftem, dafür umso mehr mit Krisenhaftem zu tun. Es sind doch immer wieder die Krisen, die einen neuen Anfang nötig werden lassen. Altes hat sich überholt und funktioniert nicht mehr, etwas hat sich buchstäblich totgelaufen. Ein neuer Anfang muss gewagt werden.

Viel spricht dafür, dass es auch in unserer Kirche so ist. Wir leben in einer Situation, in der uns das Ende der traditionellen Volkskirche überdeutlich vor Augen steht. Manche sprechen gar von einer Exkulturation des Christentums in weiten Teilen Europas, meinen also, dass das Christentum jegliche kulturelle Prägekraft verloren hat. Auf jeden Fall zeigt sich auch bei uns im Kleinen, hier in der Kirche von Berlin: Unsere alten Pastoralpläne und -strategien funktionieren nicht mehr. Vielerorts trocknen wir ganz buchstäblich aus. Unser Gemeindeleben, auch hier in St. Ludwig und Albertus Magnus, zehrt noch von Ideen und Idealen aus den 1970er-Jahren, in denen die Gemeinde wie eine große Mitmach-Familie konzipiert wurde, die am besten ein lebenslanges soziales Netz aufspannt. Das ist vorbei. Was kommen soll, weiß keiner so genau. Ein neuer Anfang muss gewagt werden.

Vielleicht ist es deshalb gerade an einem Tag wie heute, an Pfingsten, gut, einen Blick zurück zu werfen auf die Anfangserzählung unserer Kirche, um uns neu unserer Wurzeln zu vergewissern. Auf diese Weise können wir Inspiration und Handlungskriterien für den erneuten Anfang gewinnen, den wir heute wagen müssen. Denn Pfingsten ist ja, wie die Schrifttexte uns am heutigen Tag vor Augen stellen, das Geburtsfest der Kirche, die sich zu allen Menschen gesendet weiß. Die Jünger, die sich zuvor noch ängstlich hinter verschlossenen Türen verkrochen hatten, finden plötzlich neu zusammen, brechen auf und beginnen zu verkündigen. Kirche entsteht. Der Heilige Geist kommt über sie, erfüllt sie mit seiner Kraft, und sie beginnen, in fremden Sprachen zu reden, so dass jeder sie versteht, wo immer er auch herkommt. Die Ausbreitung der Kirche, so erzählt es uns die Apostelgeschichte heute, ist die Gegengeschichte zur babylonischen Sprachverwirrung. Es ist eine großartige Vision, die uns da berichtet wird. Die Einheit, die der Heilige Geist wirkt, ist niemals eintönig, sondern voller Buntheit und Lebendigkeit: eben eine Vielzahl an Sprachen, an Sinnentwürfen und Lebenswelten, an Szenen und Milieus, die sich doch untereinander verstehen und verständigen können.

Natürlich gründet die Kirche in Botschaft und Leben Jesu Christi. Er hat sie gestiftet an jenem letzten Abend, an dem er das Brot brach und den Jüngern auftrug, es ihm zu seinem Gedächtnis nachzutun. Ihn hat die Kirche zu bezeugen, um seines Evangeliums willen ist sie gegründet. Aber heute feiern wir, dass ihr die Kraft des Geistes geschenkt ist, diese Botschaft immer wieder aufs Neue weiterzusagen und weiterzutragen. Seit dem Pfingstereignis weiß die Kirche sich in einem ganz buchstäblichen Sinn als ek-klesia, als Herausgerufene, wie das griechische Wort für Kirche wörtlich zu übersetzen ist: aus Verzagtheit und Ängstlichkeit herausgerufen in die Sendung hin zu aller Welt.

Diese Sendung des Geistes ist keine Momentaufnahme. Es ist eine Zusage an die ganze Kirche, durch die Zeit hindurch. Gott ist treu, sich selbst und seinen Verheißungen. Deshalb beinhaltet das Pfingstgeschehen damals zu Jerusalem ein Versprechen auch für uns und unsere heutige kirchliche Situation: Kirche ist und bleibt jener Lebensraum, in dem der Geist Gottes wirken will. Sie ist und bleibt Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für Gottes guten Geist, Platzhalter und Wirkungsstätte der Geistesgegenwart Gottes in dieser Welt. Dieses Versprechen des ersten Pfingsttages gilt. Es gilt auch heute, an unserem Pfingstfest, wo wir wieder einen neuen Anfang wagen müssen, und es gilt trotz all der Verfehlungen und Skandale der Kirche, trotz ihres Versagens und ihrer Sünde. Kirche ist und bleibt auch in ihrer Vorläufigkeit und Schuldhaftigkeit der Heils-Raum, in dem Gott sich verschenken will.

Bleibt die Frage: Welche Kriterien haben wir, um unseren Anfang heute zu gestalten? Wie lässt sich der Geist, der uns leiten soll, identifizieren? Wie lernen wir die Unterscheidung der Geister? Wie können wir erkennen, was Gottes guter Geist und was menschlich-allzu-menschlicher Kleingeist ist? Ich glaube, das entscheidende Kriterium des Heiligen Geistes ist seine vollkommene Selbstlosigkeit. Er will nichts für sich, er will nur eines sein: Geist Jesu Christi. Das ist das entscheidende Kriterium, das Kirche sich, und das entsprechend wir uns als Kirche zu eigen machen sollen: gerade nicht auf sich selber sehen, sondern sich ganz durchlässig machen auf Christus hin. Das ist das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung der Geister: Der Heilige Geist ist der Geist Jesu Christi; er ist der Geist der Absichtslosigkeit, der Geist, der nichts als wachsen lassen will und zum Leben führen will.

Das klingt erstmal schrecklich fromm und abgehoben, hat aber ganz konkrete pastorale Konsequenzen. Denn die entscheidende Frage für unsere Pastoralpläne lautet dann nicht: Wie bekommen wir die Kirchen wieder voll? Und sie lautet auch nicht: Wie schaffen wir es, dass die vielen Hundert, die am Wochenende bei uns in St. Ludwig und Albertus Magnus zu Messe gehen, sich auch unter der Woche im Gemeindeleben blicken lassen? Sondern die entscheidende pastorale Frage lautet dann: Wo werden wir gebraucht? Wo können wir Not lindern? Wo will Gott uns hinhaben, um für andere da sein zu können?

Freilich: Die existentiellen Herausforderungen, die mit dieser Not des neuen Anfangs gegeben sind, bleiben trotzdem da. Die religionssoziologischen Daten kehren sich ja nicht einfach von heute auf morgen um. Wir werden als Kirche von Berlin, wohl auch als St. Ludwig, kleiner werden. Das löst Gefühle der Ohnmacht und der Ratlosigkeit aus, und die sind nicht wegzureden. Die Frage, die mich persönlich dabei zutiefst umtreibt, ist: Wie gestalten wir diese Prozesse im Geist Jesu Christi? Wie wächst man geistig und geistlich, wenn man soziologisch immer kleiner wird? Auch hier zum Schluss ein Blick auf die Pfingsterzählung: Die Jüngerinnen und Jünger werden mit dem Geist Jesu Christi beschenkt. Sie sind Begabte, Geist-Begabte. Das klingt toll. Aber sie haben sich das nicht rausgesucht. Sie haben eine Berufung erlebt. Und auf die haben sie sich eingelassen. Freiwillig, selbst gewählt war nicht der Weg, den sie schlussendlich gegangen sind. Sondern freiwillig, frei gewählt war die Entscheidung, dieser Berufung Raum zu geben im eigenen Leben. Das ist etwas komplett anderes. Frei gewählt war die Entscheidung, sich nicht von eigenen Zielen und Plänen, sondern vom Geist Gottes leiten zu lassen – wohl wissend, dass der bekanntlich weht, wo er will; und wohl wissend, dass der Heilige Geist in aller Regel unsere Lebenspläne gerade nicht zu bestätigen, sondern zu durchkreuzen pflegt.

Wir können heute, in der Not unseres neuen Anfangs, ein neues Pfingstwunder nicht einfach herbeizwingen. Aber wir können an uns arbeiten, dass unsere Sehnsucht nach dem Geist der Güte und der Weite, der Freiheit und der Menschenfreundlichkeit Gottes nicht erlischt. Und wir können uns immer mehr in die Kunst der Indifferenz einüben, in jene jesuitische Tugend also, die nicht das Eigene zu verwirklichen sucht, sondern die sich darin einüben will, ganz Gottes Wille zum Ziel allen Handelns und Entscheidens zu machen. Eine Gemeinde, die das zur Maxime erhebt, steht ständig in Gefahr, sich lächerlich zu machen. Nur, das war schon immer so. Denn was die Leseordnung des heutigen Tages uns beschämt verschweigt, ist der Satz, der in unmittelbarem Anschluss an unsere erste Lesung aus der Apostelgeschichte steht. Von der Ratlosigkeit der umstehenden Menge angesichts des Pfingstwunders ist da die Rede, und davon, dass „Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken“ (Apg 2,13). Wer sich vom Geist Jesu Christi leiten lassen will, der wird – damals wie heute – entweder für: nicht ganz dicht, oder eben für: vollkommen dicht gehalten werden…

In einem alten Hymnus zum Morgengebet der Kirche, der Laudes, heißt es:

Und Christus werde unser Brot,

und unser Glaube sei uns Trank,

in Freude werde uns zuteil

des Geistes klare Trunkenheit.

Diese hellsichtige, nüchterne und herzensoffene Christusbesoffenheit, diese klare Trunkenheit des Geistes, - die schenke uns Gott, heute am Hohen Pfingstfest und alle Tage aufs Neue.

Amen und: Prosit.

 
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