Über die Auferweckung - Predigt zum 32. Sonntag
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon   

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

Es scheint unser Schicksal als Christinnen und Christen zu sein, dass uns gerade das am Allerwichtigsten im Glauben ist, was vielen anderen als schlechterdings absurd erscheint. Dass Gott selbst in Jesus Christus am Kreuz für uns den Tod erlitten hat, ist zum Beispiel für Juden wie für Muslime vollkommen undenkbar. Und dass wir Menschen dereinst leiblich aus dem Tod auferstehen werden, ist für unsere säkularen Mitbürgerinnen und Mitbürger nichts weiter als eine fromme Spinnerei, bestenfalls eine naive Jenseitsvertröstung eben.

 

Das war schon immer so, von Anfang an: Schon in der Antike machten sich die Menschen über den Auferstehungsglauben der Christen lustig. Dass der Mensch dereinst wieder aus der Erde hervorkriechen werde, sei doch eine Hoffnung fürwahr für Würmer, schreibt z.B. Celsus, ein berühmter Philosoph der damaligen Zeit. Immanuel Kant, der große Aufklärer der Neuzeit, steht dem in nichts nach. Und kein Geringerer als Ludwig Feuerbach spottet im 19. Jahrhundert, den Christen ginge es doch nur darum, im Jenseits möglichst schnell die Pferde zu wechseln, um dann genauso weitermachen zu können wie zuvor.

Für uns Christinnen und Christen freilich ist diese Hoffnung auf Auferstehung das Kostbarste, was wir Menschen nur irgend glauben und glaubend bezeugen können: dass das, was ist, nicht alles ist; dass der Tod nicht das letzte Wort über unser Leben hat; dass im Ende ein neuer Anfang ist.

Drei Fragen sind es, die uns dabei besonders bedrängen. Erstens: Wo sind die Toten? Zweitens: Wie werden wir auferstehen? Und schließlich drittens: Warum sollten wir so etwas glauben?

Die erste dieser drei Fragen: „Wo sind die Toten?“ ist Gegenstand der beiden großen Feiertage der nun vergangenen Woche, Allerheiligen und Allerseelen. Hier gedenken wir der großen Gemeinschaft der Glaubenden und ganz besonders derer, die uns im Tod vorangegangen sind. (Wir werden ihrer gleich nach der Predigt nochmals in besonderer Weise im Gebet gedenken.) Im Glauben wissen wir, dass unsere Toten bei Gott geborgen sind, dass sie Heimat gefunden haben bei ihm. Dieses Sein-bei-Gott ist kein Ort in Raum und Zeit, weil Raum und Zeit, wie wir sie kennen, im Tod enden. Es ist auch eigentlich kein Zustand. Es ist vielmehr ein Gehalten- und Getragensein in einer Beziehung. Wir sind ja schon hier und jetzt mit hineingenommen in die Beziehung zum lebendigen Gott. Er hält uns am Leben, er hält uns in seiner Hand. Und er wird uns auch im Tod nicht fallen lassen, sondern neu zu einem Leben in seiner Gegenwart befreien.

Die anderen beiden Fragen: „Wie werden wir auferstehen, und warum sollten wir das glauben?“ sind Thema der heutigen Schrifttexte.

Wie werden wir auferstehen? Die Polemik des antiken Philosophen Celsus entzündet sich an der Vorstellung, dass die leibliche Auferstehung so etwas sei wie die Wiederbelebung des verwesenden und sich im Grab allmählich zersetzenden Leichnams. Dagegen richtet sich sein Spott: Als sei die Auferstehung des Leibes einfach nur die Wiederzusammensetzung unserer Zellen, unserer Knochen und Sehnen und Blutgefäße. Wäre es so, es wäre tatsächlich absurd! Auch die Sadduzäer – das ist eine Gruppe frommer Juden, die aber nicht an die Auferstehung glauben – wollen in ihrem Streitgespräch mit Jesus den Gedanken der Auferstehung dadurch lächerlich machen, dass sie die Hoffnung auf Auferweckung einfach nur als die Verlängerung unseres gegenwärtigen Lebenszustandes abtun. Wäre es so, es wäre tatsächlich absurd!

Aber Jesus ist hier ganz unzweideutig: Die Toten werden nicht mehr heiraten, sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und Kinder Gottes geworden sind, so hält er seinen Kritikern entgegen. Das bedeutet: Auferweckung der Toten, Auferstehung des Leibes meint gerade nicht eine Restitution, eine simple Wiederherstellung des Gewesenen, weder in körperlicher, noch in sozialer Hinsicht. Feuerbach irrt zutiefst: Wir werden nicht einfach nur die Pferde wechseln und dann erneut ins Rennen gehen. Sondern wir werden im Durchgang durch diesen absoluten Nullpunkt des Todes hindurch verwandelt werden, ganz und gar und bis an die Wurzeln unseres Seins umgestaltet, eben von Gottes Liebe her gottfähig gemacht werden.

Nicht Restitution, sondern Transformation – das also ist die Antwort auf unsere zweite Frage, die Frage nach dem Wie der leiblichen Auferstehung. Wir selbst werden es sein, die einstens vor Gott stehen werden, wir selbst in unserer je eigenen Gewordenheit, mit unseren Stärken und Schwächen, unseren Brüchen und Unfertigkeiten, aber auch mit unserem guten Willen und unserem Bemühen. Wir selbst werden es sein, kein anderer wird an unsere Stelle treten. Aber wir werden verwandelt werden: Wir werden keine anderen werden, aber wir werden ganz anders werden.

Die christliche Tradition hat für diese tiefe Verwandlung unserer Lebensgestalt und Lebensgeschichte ein wunderschönes Bildwort gefunden: Verklärung. Wir werden dieselben sein, werden mit unserer je eigenen Lebensgeschichte, unserer je eigenen Gewordenheit bei und vor Gott stehen. Aber wir werden verklärt sein, und das heißt: durchströmt sein von seinem Licht, von innen heraus leuchten, ganz und heil sein – und endlich, endlich auch mit uns selbst einmal im Reinen sein; ganz im Klaren über uns – uns selbst transparent, und doch im tiefen Frieden mit uns, eben weil wir ganz durchlässig geworden sind auf ihn hin und ihn auf diese Weise in uns zum Leuchten bringen dürfen.

Schließlich die dritte Frage: Warum sollten wir das glauben? Die – gewiss in martialischen Bildern ausgemalte – Antwort aus unserer ersten Lesung heute lautet: Weil es ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Der Textauszug aus dem Zweiten Makkabäerbuch, den wir gerade gehört haben, spielt in einer Zeit der Verfolgung frommer, thoratreuer Juden durch die hellenistischen Machthaber im zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Das Denken, das diesem Text zugrunde liegt, ist apokalyptisch gefärbt. Die Grundfrage, die die Menschen damals angesichts dieser grauenhaften Verfolgungen umtrieb, treibt auch uns Heutige um: Wie kann Gott das zulassen? Wie können wir auf Gottes Gerechtigkeit vertrauen, wenn doch die Fakten augenscheinlich eine ganz andere Sprache sprechen? Und die Antwort, zu der die Menschen damals fanden, ist die gleiche, die uns Heutigen gegeben ist: dass das, was ist, nicht alles ist; dass diese schreienden Ungerechtigkeiten nicht das letzte Wort haben werden; dass da ein Gott ist, der es verstehen wird, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit miteinander zu versöhnen, wenn schon nicht hier und jetzt, so doch dort und dann. Max Horkheimer hat einmal gesagt, die Hoffnung auf Auferstehung und Gericht sei die Hoffnung darauf, dass der Mörder nicht auf ewig über sein Opfer triumphiere. Eben darum geht es: Die Hoffnung auf Auferweckung ist Ausdruck der Hoffnung auf Gerechtigkeit.

Freilich, alles Hoffen auf Gerechtigkeit hinge in der Luft, käme nicht die alles entscheidende Antwort hinzu, die Jesus seinen sadduzäischen Gesprächspartnern gibt: Wir dürfen auf Gerechtigkeit und Leben hoffen, weil wir auf den Gott hoffen, der ein Gott des Lebens ist. Gott ist ein Gott der Lebenden, nicht der Toten. Das ist die Kernthese, die Jesus den Sadduzäern entgegenhält. Es ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der ein solches Leben verspricht.

Beweisen, so wie man beweisen kann, dass die Erde sich um die Sonne dreht, oder wissen, so wie man wissen kann, dass zwei und zwei vier ergibt, kann man einen solchen Glauben nicht. Auch die Hoffnung auf Auferweckung bleibt angefochten, der Angst und dem Zweifel ausgesetzt. Aber jedes Ja, das Menschen zueinander sprechen, nährt die Hoffnung, dass da ein Gott ist, der sein großes Ja und Amen zu allem sprechen wird. Jeder Sinn, den Menschen ihrem Dasein abtrotzen, nährt die Hoffnung, dass da ein Gott ist, der unser Tun und Mühen in Zärtlichkeit und Liebe einbergen wird. Diesem Sinn, dieser Liebe, diesem Ja des Lebens will ich trauen, – nicht der Angst, nicht dem Absurden und auch nicht der Leere. Gebe Gott seinen Segen dazu.

2 Makk 7; Lk 20,27-38
 
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